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Im Mai 2016 zog es mich wieder in die Maramures, zumal mein letzter Besuch bei Björn und Florentina im Jahr 2014 mit einem schmerzlichen Motorradunfall am Tage der Abfahrt aus dem Weintal endete - und ich diese Erinnerung so nicht weiter mit mir tragen wollte ;-)

Anders als in den Jahren 2011 und 2014 ging es diesmal anreisetechnisch jedoch deutlich komfortabler zu: Via WizzAir von Dortmund nach Cluj-Napoka und von dort dann mit dem Leihwagen die rund 170 Kilometer in Richtung Norden ins Weintal von Viseu de Sus. Zum Leihwagen sei angemerkt: Die Anreise über Cluj nach Viseu de Sus ist weitaus anspruchsvoller, als über Sibiu nach Transsilvanien. Die lange Anreisezeit von rund 2,5 Stunden ist auf dem Hinweg weniger problematisch als am Tage der Rückreise. Wir waren doch ein wenig in Sorge, ob wir unseren Rückflug rechtzeitig erreichen würden. Im Ergebnis muss ich allerdings feststellen, dass die Belastungen der Anreise in keinem Verhältnis zum hohen Freizeit- und Erholungswert eines Aufenthaltes in den Maramures stehen. Fazit: Jederzeit gerne wieder ...

Es gab dann noch eine weitere Äbweichung von unseren biserhigen motorradspezifischen Erkundungen der Maramures: Es sollte diesmal auf "Schuster´s Rappen" durch die Waldkarpaten gehen.

Tag 1, Dienstag

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Viel gehört hatte ich bislang von dem sagenumwobenen kleinen ruthenischen Dorf in den Waldkarpaten, Obcina genannt. Hier leben einige Duzend Waldbauern auf einer Anhöhe, irgendwo gelegen zwischen dem Weintal in Viseu de Sus und Poienile de sub Munte. Der Weg von Viseu de Sus ist motorgetriebenen Fahrzeugen jeder Art nicht zu erreichen, mit Pferdefuhrwerken vielleicht, zu Fuß ganz sicher.

Am Dienstag ging´s also dirket nach dem Frühstück, den Wanderstab in der Hand, zu Fuß in Richtung Norden. Der Weg - teilweise als solcher kaum auszumachen - führte uns durch eine beeindruckende Landschaft stetig höher hinauf.

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Fluss- und Bachläufe mussten an Furten überquert und glitschig-seifige Anstiege bewältigt werden. Schroffe Felswände zierten den Weg, ebenso wie mitunter gefährlich anmutende Abhänge.

Das Risiko hielt sich gleichwohl in engen Grenzen, so dass noch Zeit für so manches gehaltvolle Gespräch in der kleinen Wandergruppe blieb, die sich zusammensetzte aus zwei österreichischen Ehepaaren, Björn und Florentina aus dem Weintal, meinem Freund Henner und meiner Wenigkeit.

Als besonders vorteilhaft hat sich der Umstand erwiesen, dass Fritz als österreichischer Oberförster mit der Tier- und Pflanzenwelt "auf Du" war und uns so manchen Umstand in Flora und Fauna bestens erklären und Hintergründe darstellen konnte.

Nach fast drei Stunden war der Aufstieg geschafft und vor uns lag: Obcina.

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Obcina ist eine ruthenische Höhensiedlung auf etwa 1.000 Meter. In dieser Ansiedlung ohne Zufahrtsstraße gibt es noch ein hohes Maß an Selbstversorgerwirtschaft, wie dies in der EU sonst kaum mehr zu finden ist. Das Leben der Bauern ohne Maschinen, ohne Strom und Fahrzeuge wurde insbesondere durch den Dokumentarfilm "Obcina" des Berliners Björn Reinhardt überregional bekannt.

Aufgrund seiner geografischen Abgelegenheit und der Armut der Bewohner gibt es bis heute keine Straße nach Ocina.

Das Haus von Ivan ...Das Haus von Ivan ...

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Seit alters her umgibt die Siedlung ein Geflecht von Tierpfaden, Hirten- und Transportwegen. Die Bewohner pflegen die Wege weder auszubauen noch zu pflegen. Die wenigen zum Verkauf geeigneten Produkte wie selbst produzierter Schafskäse und in den umliegenden Wäldern gesammelte Blaubeeren, Himbeeren oder Pilze werden mit dem Rucksack abtransportiert. Holz wird im steilen Gelände direkt mit dem Pferd talwärts gezogen. Wenn es flacher ist, wird ein Pferdeschlitten verwendet. Auch zum Transport des Heus zu den charakteristischen Schobern und zu den Scheunen verwendet man Schlitten. Die Heuvorräte werden erst im Winter nach dem ersten Schnee mit Pferdeschlitten ins Tal gebracht. Die Versorgung mit notwendigen Arbeits- und Lebensmitteln erfolgt via Rucksack aus Poienile. Bis auf wenige Geräte wie Radio oder Handy mit Batterie gibt es keine strombetriebenen Geräte.

(Quelle: teilweise Wikipedia)

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Was unsere kleine Reisegruppe in Obcina erwartete, sprengte jegliche Erwartung: Einfachste Lebensverhältnisse und bittere Armut, gepaart mit Herzenswärme, Gastfreundschaft und Lebensfreude.

Das vom hektischen Büroalltag geprägte Leben eines Bürgermeisters wird angesichts solcher Eindrücke "geerdet". Alltagsprobleme relativieren sich ...

Besonders beeindruckt hat mich Ivan, der Violinenspieler. Seit der Geburt von einer starken Gehbehinderung gezeichnet, wächst dieser kleine, fast 70jährige Mann, zum Riesen heran, sobald er seiner Violine Töne entlockt, die für das westliche Ohr zunächst sehr ungewohnt klingen. Die ganze Last eines kargen Daseins, aber auch die Freiheit des Lebens auf der Alm scheinen sich in seiner Musik zu vereinen. Man lauscht ergriffen ...

IvanIvan

Tag 2, Mittwoch

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Der zweite Tag stand unter der Überschrift "Mit ziemlich besten Freunden unterwegs im Defileul Lapusului". Das Defileul ist eine atemberaubende Schlucht in der Nähe von Targu Lapus. Mit "normalen" Fahrzeugen wäre die Anreise in dieses Naturschutzgebiet nicht machbar gewesen, weshalb wir mit einem Jeep, einem SJV und einem weiteren allradgetriebenen Fahrzeug die rund zweistündige Anfahrt gemeistert haben. 

Nach einer ausgiebigen Wanderung standen wir dann vor dem sogenannten "Omega": Der Blick in die Schlucht, durch die sich der Fluss schlängelte, verschlug für einen Moment den Atem.

Interessant war auch, dass am Wegesrand stetige Zeugnisse der Aktivitäten von Braunbären festzustellen waren. So hat uns unser rumänischer Ranger das Naturschutzgebiet auch von dieser wilden und archaischen Seite näher gebracht.

Das OmegaDas Omega

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Die Wanderung durch das Naturschutzgebiet folgte übrigens gleichen Regeln, wie dies am Tag zuvor auf dem Weg nach Obcina der Fall war:

Wanderwege waren nicht ausgewiesen, oftmals ging es über Stock und Stein, durch den Wald oder unwegsames Gelände. Der Lohn waren Natureindrücke, die man aus dem Auto oder vom Motorrad so niemals geboten bekommen würde.

So ein Fußmarsch hat übrigens auch einen ungemein hohen kommunikativen Wert: Das Philosophieren, insbesondere über "das Glück", hat unsere Wanderungen intellektuell angereichert.

Spannend für mich waren auch die Gespräche mit der einheimischen Bevölkerung, die mich schnell an den Rand meiner Rumänischkenntnisse gebracht haben. Diesen begrenzten Sprachhorizont konnte ich aber von Tag zu Tag ein wenig erweitern.

Beeindruckend waren für mich als Enduro-Fahrer auch die ungefilterten Fahreindrücke eines echten Jeeps, der rumpelnd und schaukelnd seinen Weg über (fast) alle Hindernisse hinweg gefunden hat. Bei dem mir zur Verfügung stehenden Exemplar handelte es sich um einen Suzuki Samurai aus dem Jahre 1989, in Deutschland schon lange ausgemustert, in Rumänien noch gut im Futter.

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Apropos Futter: Das Abendessen am Ende des zweiten Tages bedarf an dieser Stelle einer besonderen Erwähnung. Es gab in dem urigen Beherbergungsbetrieb, welcher "zufälligerweise" unserem rumänischen Ranger gehörte, landestypische Speisen. Und wie in Rumänien üblich, gab es davon mehr als genug. Krautwickel, eine Bohnensuppe mit Fleisch mit für mich kaum definierbarer Herkunft (vermutlich Schwein) und Brot. Dazu Wasser, Wein, Bier und den obligatorischen Tuica (Schnaps).

vor dem Essen ...vor dem Essen ...

Tag 3, Donnerstag

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"Das Beste kommt zum Schluss", so lautet ein erfolgreicher Hollywood-Streifen. Nun waren wir gottlob nicht Teil in einer us-amerikanischen Studioproduktion, sondern waren die Hauptdarstellerin einem Film über das wahre Leben in den Maramures. Und wer könnte das wahre Leben besser vermitteln, als ein junges Ehepaar mit ihren zwei kleinen Kindern, hoch oben in den Waldkarpaten lebend?!

Irina und GheorgheIrina und Gheorghe

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Doch der Reihe nach:

Zunächst stand Gheorge, 27 Jahre, symphatisch und schüchtern, mit seinem Pferdewagen zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Treffpunkt. Wir stiegen auf (nicht sehr bequem, aber sehr authentisch) und ließen uns zunächst von Bogdan Voda nach Ieud (sprich: Je-ud) chauffieren. Dort stand die Besichtigung einer Klosteranlage und einer Holzstabkirche nebest Friedhof auf dem Programm. Schon zu dieser Zeit fiel mir auf, wie hochsensibel der junge Mann mit dem Zweispänner umzugehen verstand. Rückwärts einparken soll auf unseren Straßen nicht jedermanns Sache sein. Rückwärts einparken mit einem Zweispänner ist schon großes Kino. Seine herausragenden Fahreigenschaften sollten uns im späteren Verlauf des Tages noch mehrfach beeindrucken.

Friedhof von IeudFriedhof von Ieud

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Aber erst einmal hieß es, zur späteren Mittagsstunde einen Zwischenstopp an einem rumänischen Straßencafé einzulegen. Auf diese Idee kamen wohl mehrere Kutscher, so dass es auf der Veranda der kleinen Bodega hoch und lustig her ging. Dem Alkohol war man offenkundig zugetan (sicherlich nur die Kutscher, die nicht mehr fahren mussten), die Stimmung war ausgezeichnet und als man gewahr wurde, dass ich Bürgermeister von Beruf bin, kannten die Zuneigungs- und Verbrüderungsrituale keine Grenzen mehr.

Kutscherkneipe in Bogdan VodaKutscherkneipe in Bogdan Voda

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Nun gut. Nach einem Bier und zwei Tuica (dort getrunken mit einer Extraportion Tomatensaft ... sehr lecker und nach felsenfester Überzeugung der Kutscher gut gegen Kopfschmerzen) ging es dann weiter in Richtung Haus- und Hofstelle von Gheorghe und seiner Frau Irina.

Unterwegs auf dem "Canale Grande" von Bogdan Voda ...Unterwegs auf dem "Canale Grande" von Bogdan Voda ...

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Da das Anwesen nicht über "normal" befahrbare Straßen zu erreichen ist, haben wir uns wieder auf die Kutsche geschwungen und brachen zu einer recht abwechslungsreichen Tour in die Hochlagen der Maramures auf. Zu meiner großen Überraschung verließ Gheorghe in Bogdan Voda die asphaltierte Straße und steuerte zielsicher auf den nächstgelegenen Flusslauf zu. Mit dem Zweispänner ging es dann gefühlte 1000 Meter stromaufwärts, bis unser Kutscher schlussendlich auf einen unbefestigten Kutschenweg abbog.

Unterwegs in den Maramures ...Unterwegs in den Maramures ...

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Die Reise mit diesem Leiterwagen hat etwas ungemein entschleunigendes. Man bekommt ein anderes Gefühl von Zeit, je länger die Fahrt dauert. Zeit und Raum vermischten sich für mich zu einem ganz eigenen, nachhaltigen Erlebnis, zu einem wunderbaren Gefühl totaler Gelassenheit. Neben Gheorghe fühlte ich mich auf dem Kutschbock absolut sicher, selbst bei Passagen, die fahrerisch sicherlich hoch anspruchsvoll waren. Mit äußerster Präzision lenkte Gheorghe das Gespann sanft und gleichmäßig auch über zwei oder drei Bachquerungen, deren steile Uferböschungen überwunden werden mussten.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange die Fahrt gedauert hat, aber ich habe jeden  Meter genossen, so dass ich sogar etwas traurig war, als wir dann vor dem Hof von Gheorghe standen und uns seine Frau Irina freundlich lächelnd begrüßte.

Wie mir Björn - einer der Mitreisenden - glaubhaft versicherte, hat Irina an den vorherigen Tagen mehrfach für gutes Wetter gebetet, so sehr hat sie sich auf uns gefreut.

Ein letzter Blick zurück, la revedere Gheorghe si Inria ...Ein letzter Blick zurück, la revedere Gheorghe si Inria ...

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Im Hause von Gheorge und Irina angekommen, gab es die volle Herzenswärme rumänischer Gastfreundschaft, die hier in Worten kaum zu beschreiben ist, zumal sie über das reine Essen und Trinken weit hinausgeht. Nach rund zwei Stunden, in denen mir Gheorghe voller Stolz auch seinen kleinen Besitz gezeigt hatte, ging es dann für uns zu Fuß wieder zurück. Wir wollten Gheorghe nicht noch einmal das Anspannen der beide Pferde zumuten und den selbigen nicht nochmals die beschwerliche Arbeit vor dem Leiterwagen.

So ging schlussendlich ein wunderschöner Tag voller Ruhe, Harmonie und Gastfreundschaft dem Ende entgegen.

Ein Tag, der uns noch lange in positiver Erinnerung bleiben wird ...