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Donnerstag, den 4. August 1932

Mord in Enniger: Zigeunerin erschlagen aufgefunden

Die Leiche lag seit dem Enniger Markt im Aehrenfeld - Auf der Spur des Mörders

Es geht eine Welle von Gewalt über Deutschland, die nicht nur von den aufgepeitschten Wogen der politischen Leidenschaft gespeist wird. Und selbst in unserem friedlichen Winkel des bedächtigen Westfalens hinterlässt sie in letzter Zeit bedenklich häufig Spuren: Morde, Ueberfälle, und nicht alle wurden aufgeklärt. Gestern wiederum kam man einem Mord in Enniger im Kreise Beckum die Spur. Seit einigen Tagen machte sich dort auf der Gartenstraße, die an der Südseite des Marktplatzes heranführt, ein starker Leichengeruch bemerkbar, den man sich nicht erklären und durch oberflächliches Suchen auch nicht aufklären konnte. Die Familie Schwarte, die am Dienstag Nachmittag in ihrem südlich der Bahnstrecke gelegenen Runkelrübenacker beschäftigt war, musste diesem Geruch buchstäblich das Feld räumen. Man nahm grundsätzlich an, dass ein Reh oder ein größerer Hund dort versudere. Erst in Verbindung mit dem Gerücht, dass auf dem letzten Enniger Markt eine Frau verschwunden sei, begann man planmäßig das Feld abzusuchen. Am Mittwochmorgen, als die Polizei den Fall aufgriff, entdeckte man den wahren Grund des Leichengeruches: In einem Haferfeld fand der Oberlandjäger Ritzmann (?) die stark verweste Leiche einer Frau. Ein grauenhafter Anblick. Maden und ähnliches Getier hielten ein schauerliches Mahl. Bunte Lappen und Kleider identi-fizierten auf den ersten Blick die Leiche; man stand vor den schauerlichen Überresten der vermissten Zigeunerin. Die Tote lag auf dem Gesicht und war vollständig bekleidet: Sie trug Schnallenschuhe und graue Strümpfe. Die Kunde dieses grässlichen Fundes lockte schnell die Dorfbewohner herbei, und aus dem Gewirr der Gespräche und Vermutungen entwirrte sich bald der rote Faden, der zur mutmaßlichen Tat führte. Zwei Frauen, die in der Marktnacht gegen 11.30 Uhr vor ihren Häusern an der Gartenstraße harrten, dass ihre Männer vom Markte heimkehrten, hatten zwei Personen, ein Zigeuner und eine Zigeunerin, bemerkt, die Frau trug einen Korb, der Mann, hemdsärmelig, einen Spazierstock; soviel war besonders aufgefallen.

Kurze Zeit später wurde die Frauen durch einige laute Schreie erschreckt, die plötzlich verstummten. Sie teilten im Laufe des Abends ihre Wahrnehmungen, ohne ihnen besondere Bedeutung zuzumessen, in einem Nachbarhause mit; die Schreie erklärte man sich damit, dass die Zigeuerner vermutlich beim Kartoffeldiebstahl überrascht und mit Hunden vertrieben worden seinen. Später sahen sie den Mann in schneller Gangart allein zurückkommen, im Kirmestrubel nichts weiter Auffallendes, und völlig beruhigt begab man sich zu Bett.

Am Tage nach dem Markt fand sich schon morgens gegen 7 Uhr bei der Polizei ein Zigeuner ein, der seine Schwester als vermisst meldete; sie sei geistig minderwertig und habe außerdem einen Sprachfehler. (Jetzt entsinnen sich auch die Dorfbewohner einer Zigeunerin, die, beim Betteln heftig gestikulierend für eine Taubstumme gehalten wurde; ob sie mit der Ermordeten identisch ist, wird erst die Untersuchung ergeben.) 

Das Grab der ermordeten Anna Schubert; 1990 eingeebnetDas Grab der ermordeten Anna Schubert; 1990 eingeebnet

Quelle: Hier sin ick to Hous - 400 Jahre Enniger-Markt von Egon Stutenkemper, 1995

Als aber einige Stunden später dieser Zigeuner mit seinem Wohnwagen Enniger unbekümmert verließ, nahm man an, dass die Frau sich wieder ein-gefunden habe, und glaubte damit die Sache für erledigt. Wie die neuerlichen Feststellungen zeigen, sehr zu unrecht. Gestern nachmittag ge-gen 2 Uhr traf die Mordkommission der Landeskriminalstelle Recklinghausen am Tatort ein. Eine Frau Steinkamp, die in der fraglichen Nacht ebenfalls die Beobachtungen gemacht hatte, glaubte die Tote an den Kleidungsstücken wiederzuerkennen.

Die Tote ist zweifelsohne das Opfer einer Gewalttat geworden. Allem Anschein nach wurde der Schädel durch einen harten Gegenstand zertrümmert. Die genaue Untersuchung wird erst die morgige Obduktion ergeben. Bis zur Stunde war es noch nicht möglich, die Personalien der Toten, die etwa im Alter von 30 bis 40 Jahren stand, festzustellen. Die Beamten der Landeskriminalstelle sind in Verbindung mit der Landjägerei zurzeit eifrig bemüht, das Verbrechen aufzuklären. Bis gegen 20 Uhr ist es der Polizei bereits gelungen, eine gewisse Klärung herbeizuführen. Aus der Gegend von Hamm wurden zunächst zwei Zigeuner-Wohnwagen nach Enniger zitiert, die gegen 19 Uhr hier eintrafen. Bei der Gegenüberstellung erkannte eine Zigeunerfrau in der Ermordeten eine entfernte Verwandte mit Namen Anna Schubert. Die Tote trug eine Schürze, die die Verwandte selbst genäht hatte. Man will beobachtet haben, dass ein Korbmacher sich am Mordtage von 14 bis 23 Uhr bei der Ermordeten aufgehalten hat. Die Tote, die 40 Jahre alt ist, soll nach den Aussagen der Angehörigen eine Witwe sein, die vor kurzem selbst ihren Mann durch Mord verloren haben soll. Der Name des mutmaßlichen Mörders ist bis jetzt noch nicht bekannt. Seine Frau, von der er geschieden lebt, wohnt in Münster. Vermutlich hält sich auch der Mörder zurzeit in Münster auf. Die Polizei begab sich nach Münster, wo sie hofft, zumindest den Namen des mutmaßlichen Mörders festzustellen.

 

 Quelle: Hier sin ick to Hous - 400 Jahre Enniger-Markt von Egon Stutenkemper, 1995

Quelle: Hier sin ick to Hous - 400 Jahre Enniger-Markt von Egon Stutenkemper, 1995